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Jan-Wilhelm Beck

Aliter loqueris, aliter uiuis

Senecas philosophischer Anspruch
und seine biographische Realität

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Für die Umschlagabbildung wurde ein Foto der Doppelherme des Seneca und Sokrates im Pergamonmuseum Berlin (Antikensammlung) verwendet.
Foto: ©Calidius, Wikimedia Commons, 2004

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Eine eBook-Ausgabe des Werks ist erhältlich unter DOI 10.2364/1184463235.

©Edition Ruprecht Inh. Dr. R. Ruprecht e.K., Postfach 1716, 37007 Göttingen – 2010 www.edition-ruprecht.de

StD. a. D. Dr. Wolfgang Gorek
und seiner Familie

Dem unermüdlichen Mitprüfer in über 10 Jahren Staatsexamina,
dem eifrigen Lehrbeauftragten an der Universität Regensburg,
dem geduldigen Begleiter bei Exkursionen und Reisen nach Rom,

der durch sein beharrliches Drängen
für das Entstehen dieses Beitrages gesorgt hat.

Die vorgelegte Studie geht auf Gedanken zurück, die ich seit 1997 an den Universitäten Bochum und Regensburg in meinen ‘Seneca’-Vorlesungen vorgetragen habe; in der hier präsentierten, überarbeiteten und erweiterten Form zuletzt im März 2009 am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium Schwandorf vor Kollegen und Kollegiaten der Gymnasien Schwandorf, Nabburg, Nittenau und Burglengenfeld.

I

Vbi praecepta sapientiae lässt Tacitus den im Angesicht des Todes unerschrockenen, standhaften Seneca seine trauernden, klagenden Freunde fragen. Als Vermächtnis hinterlasse er ihnen das, was er als Einziges und doch Schönstes noch hätte, quod unum iam et tamen pulcherrimum habeat; er hinterlasse ihnen ein Bild seines Lebens, imaginem uitae suae relinquere testatur – so Senecas letzte Worte in der großen Sterbeszene bei Tacitus in seinen ‘Annalen’.1 Das Bild seines Lebens als bleibendes Vermächtnis, das ist eine eindrucksvolle, eine einprägsame Formulierung und zugleich ein großer, vielleicht zu großer, zu selbstbewusster Anspruch, den der Taciteische Seneca sogar ein weiteres Mal für sich erhebt, wenn er den Gedanken an sein Leben zum wirksamsten Trost für seine scheinbar nur widerwillig überlebende Ehefrau erklärt (rogat oratque … in contemplatione uitae per uirtutem actae desiderium mariti solaciis honestis toleraret).

Natürlich ist all dieses kein nachweisbar wörtliches Zitat, es sind nicht unbedingt die Worte des historischen Seneca. Tacitus hat sie ihm in den Mund gelegt; es ist der wirkungsvolle Abschluss seines Seneca-Bildes, das er in den ‘Annalen’ seit Buch 12 mit immer wieder positiven Erwähnungen entworfen hat. Seneca war Tacitus sogar so wichtig, dass er ihm anlässlich seines secessus eine große Rede gegeben hat. Die tatsächlich letzten Worte des bedeutenden Philosophen hat Tacitus dagegen nicht überliefert; sie seien allseits bekannt, und sind uns leider trotzdem verloren. So bleibt die Taciteische imago uitae suae – ein Bild des Lebens als Abbild eines Toten, ganz gemäß der römischen Tradition der imagines maiorum als Exempel, in Ehren gehaltene Totenbilder und -masken der Ahnen römischer nobiles.2 Es ist der Mensch, der Politiker Seneca mit seinem gelebten Leben, mit seiner aktiven Lebensleistung, die für Tacitus in seiner vorausgegangenen Darstellung wichtig ist, die er mit der großartigen Formulierung ausdrücklich zu würdigen und sogar über die direkte Wiedergabe von Senecas letztem philosophischen Bekenntnis zu stellen scheint.3 Und damit ist es nicht der Seneca, den wir heute mit viel zu eingeengtem Blick zu lesen gewohnt sind – Seneca als philosophischer Schriftsteller, wie er uns fast ausschließlich begegnet.

Natürlich ist der Bericht des Tacitus eine literarische Darstellung, es ist die nachträgliche Bearbeitung eines antiken Historikers; es ist kein authentisches Zeugnis, kein Augenzeugenbericht und auch nicht das wohlwollende Bekenntnis eines direkten Freundes oder gar Schülers unseres Seneca, wie sie nach Tacitus’ Erzählung seinen letzten Momenten beigestanden haben. Doch die Seneca zugeschriebenen Worte sind andererseits auch nicht einfach als bloße Fiktion oder gedankenlose Nachschrift einer zeitgenössischen Quelle abzutun, die man mit dem Seneca-freundlichen Fabius Rusticus identifiziert.4 Tacitus hat selbst unter einem schlechten princeps gelitten, hat Tyrannei und Unterdrückung erlebt und ist durchaus in der Lage und willens, eigenständige Urteile abzugeben. Bei der Zeichnung seiner Personen, der dominanten Gestalten der Geschichte, ist oftmals eine negative Verzerrung festzustellen, die auf seine negative Einstellung dem Prinzipat gegenüber zurückzuführen ist. Zudem ist Tacitus selbst ein bedeutender Autor und für antike Verhältnisse bemühter Historiker, der Glaubwürdigkeit für seine Darstellung beansprucht und überzeugend, prägend auf seine Zeitgenossen wie auch auf die Nachwelt weiterwirken will. Wenn Tacitus nun in seiner Sterbeszene ein derart eindrucksvolles Bild von Seneca zeichnet, ihn gar für einen möglichen Nachfolger Neros auf dem römischen Kaiserthron hält,5 wenn er Senecas Leben, die imago uitae suae, als bleibendes Denkmal in seinem Geschichtswerk festschreibt, muss er von der positiven Wirkung auf sein Publikum und von der nachvollziehbaren Richtigkeit seiner eigenen Worte überzeugt gewesen sein. Andernfalls hätte er sich und seiner Glaubwürdigkeit als Historiker mit einer solchen Szene nachhaltig geschadet. Seine positive Haltung Seneca gegenüber ist auch sonst stets zu spüren; kritische Bemerkungen sind selten, Ironisierung findet sich beim Taciteischen Seneca gerade nicht.6 Auch wenn Senecas imago uitae suae als bleibendes Vermächtnis für uns ein Taciteischer Entwurf ist – weitere und direkt zeitgenössische Quellen wie eben Fabius Rusticus, aus denen Tacitus geschöpft haben mag, sind nicht erhalten –, ist es dennoch ein überaus wertvolles Zeugnis, das in unzweifelhafter Weise belegt, dass man in der Antike Senecas Biographie als vorbildhaft empfinden konnte.

Ausgehend von Tacitus’ markanten Worten sei somit hier ein weiteres Mal die Frage gestellt, wie die imago uitae von Tacitus gemeint ist und wie sie von Seneca gemeint sein könnte, wenn er selbst eine solche Formulierung ausgesprochen hätte. In konzentrierter Form sei im Folgenden das Leben des für uns so bedeutenden Philosophen nicht lediglich nachvollzogen,7 sondern bewertet und so eine gezielte Auseinandersetzung mit Senecas Anspruch und gelebter Realität versucht8 – ein altes, umstrittenes, viel diskutiertes Thema, das nach wie vor bei einem Mann von höchster Bedeutung ist, der zweifellos als einer der ganz Großen der Antike gilt. Die bekannte Berliner Doppelherme, der einzige antike Beleg für Senecas Aussehen, zeigt auf der anderen Seite das Abbild des Sokrates.9 Selbst wenn Senecas Darstellung nicht der Realität entsprechen sollte, ist die ihn zusammen mit Sokrates zeigende Plastik ein bezeichnender Beleg für seine Wertschätzung.

1 Tac. ann. 15,62,1ff. ille interritus poscit testamenti tabulas; ac denegante centurione conuersus ad amicos, quando meritis eorum referre gratiam prohiberetur, quod unum iam et tamen pulcherrimum habeat [-bat], imaginem …, cuius si memores essent, bonarum artium famam fama constantis amicitiae laturos. simul lacrimas eorum modo sermone, modo intentior in modum coercentis ad firmitudinem reuocat, rogitans, ubi praecepta sapientiae, ubi tot per annos meditata ratio aduersum imminentia? … et nouissimo quoque momento suppeditante eloquentia aduocatis scriptoribus pleraque tradidit, quae in uulgus edita eius uerbis inuertere supersedeo, 67,3 uerba, quia non, ut Senecae, uulgata erant.

2 Vgl. Mayer (1991/2008) S. 142/300 „That a model is being created Seneca himself observes […] when he says to his wife: non inuidebo exemplo. […] in death Seneca crowned his lifelong practice of referring to exempla, by himself becoming one. There is […] something essentially Roman in his aspiration“, Schönegg (1999) S. 28f. „verweist auf den römischen Totenkult. […] Abdruck der Erinnerung […] hinterlässt das Bildnis seines Lebens doppelt: im Wachs der Erinnerung, im Gipsabdruck seiner Schriften. […] unstofflich, […] stofflich“.

3 Vgl. z. B. Griffin (1976) S. 444 „there is a Seneca in whom Tacitus has no interest: the philosopher Seneca“.

4 Koestermann (1968) S. 298 erkennt in den mit Seneca speisenden Freunden (Tac. ann. 15,60,4 amicis duobus) den Arzt Statius Annaeus und Fabius Rusticus; vgl. im Anschluss 61,3 tradit Fabius Rusticus. Einen Beleg dafür gibt es jedoch nicht.

5 Tac. ann. 15,65,1 fama fuit … ut post occisum opera Pisonis Neronem … imperium Senecae, quasi insonti et claritudine uirtutum ad summum fastigium delecto; vgl. als Bestätigung Juv. 8,211ff.

6 Die Sympathie des Tacitus ist ein ehrendes und keineswegs selbstverständliches Werturteil angesichts seiner sonst eher ablehnenden, typisch römischen Haltung gegen ein zu großes Bekenntnis zur Philosophie (vgl. z. B. Agr. 4,3 studium philosophiae acrius, ultra quam concessum Romano ac senatori, 42,5 … ambitiosa morte inclaruerunt). Die sympathische Behandlung Senecas in Neronischer Zeit ist für den Leser bereits bei seiner ersten Erwähnung unmissverständlich vorgegeben (ann. 12,8,2 Agrippina, ne malis tantum facinoribus notesceret, ueniam exilii pro Annaeo Seneca …) und erfährt durch die Darstellung seines Todes eine großartige Abrundung (vgl. auch ann. 15,23,4 egregiis uiris für Seneca, Thrasea). Seneca ist – zusammen mit Burrus – die positive Gestalt der späten ‘Annalen’-Bücher als Gegengenwicht zu Agrippina bzw. Nero gemäß der Gegenüberstellung von Germanicus und Tiberius am Anfang seines Werkes. Vereinzelte Spitzen sind typisch Taciteisch und nicht überzubewerten (so selbst gegen Germanicus ann. 1,4,5).
Für Tacitus’ Seneca-Bild vgl. z. B. Alexander (1952), Trillitzsch (1971), Griffin (1976), Abel (1985, 1991), D’Anna (2003) mit weiterer Literatur, für die Sterbeszene zuletzt Brinkmann (2002), Zimmermann (2005); ersterer S. 113 mit ausdrücklicher Ablehnung von ironischer Verzerrung, wie sie z. B. Rudich (1993) S. 111, (1997) S. 294 Anm. 199 im Vergleich zum Tod von Petron, Thrasea annimmt. Ebenfalls mit zu negativer Verzerrung Dyson (1970) S. 71ff. mit Seneca als „slippery and pompous courtier“ in einer Zeichnung „highly critical […] with full irony and ambiguity“, für Schönegg (1999) S. 20 ist Tacitus’ Bericht „verhalten“. Habinek (2000) S. 264 betont, dass Seneca neben den Mitgliedern der kaiserlichen Familie und Seian die meiste Aufmerksamkeit des Tacitus erfahren habe („[…] more […] than […] any other figure […]“).

7 Vgl. Griffin (1974/2008) als Titel für einen ausführlichen biographischen Überblick (S. 34/58 „Seneca’s power as a healer of souls has more than made up for his shortcomings as a model of virtue. The literary portrait of himself as a moral teacher that Seneca has left in his essays and letters is rightly jugded a more precious legacy than the historical imago uitae suae“), vgl. den entsprechenden Einstieg von Maurach (1991) in seine Biographie (S. 7ff. „Muß er es nicht als lauter empfunden haben [sc. das ‘Bild seines Lebens’, …]? Wer solches fordert, muß sich diese Frage stellen lassen“). Eine scheinbar umfassende Diskussion kündigt Fuhrer (2000b) an; ihr Aufsatz ‘Seneca. Von der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit’ bleibt jedoch auf eine Einleitung zu Senecas problematischem Vermögen (S. 123 „Gegen keinen antiken Philosophen ist so oft der Vorwurf erhoben worden, dass er selbst dem Ideal, das er in seinen Werken vertrete, in seinem Leben nicht entspreche […]“), wenige biographische Bemerkungen und einen allgemeinen Überblick über Senecas philosophische Lehren beschränkt. Hingewiesen sei ferner auf Schönegg (1999) S. 25ff. mit seinem Teilkapitel „Die Formel imago uitae“, die sich für ihn „verbildlicht, […] dicht gefügt […] fest miteinander verschmolzen“ in einer „unitären Trinität“ aus mors, fama und amicitia den ersten 12 Episteln gemäß ergibt.

8 Die einleitende und beständige Warnung etwa von Griffin (1976) und Abel (1985) zur Zurückhaltung wegen unsicherer Datierung von Senecas Aussagen und überhaupt mangelnder Hintergrundkenntnisse sei auch hier aufgegriffen, darf jedoch nicht von kritischer Auseinandersetzung abhalten.

9 Original aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. nach einer zeitgenössischen Vorlage (Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin; Titelbild). Selbst das wohlgenährte Bildnis dieser Doppelherme hat man Seneca in früherer Forschung wie Literatur zum Vorwurf gemacht als Ausdruck eines im Überfluss genossenen Lebens und typisches Abbild eines Zinswucherers (Beispiele etwa bei Dionigi [2001] S. 12; für Ferguson [1972] S. 12 belegt es seine Humorlosigkeit).

II

Eine Formulierung wie die des Tacitus scheint jedoch vermessen gerade bei einem Mann wie Seneca, wenn man seine eigenen Schriften und weitere antike Quellen einbezieht. Denn an seiner Lebensführung und der diesbezüglich offenbar offensichtlichen Diskrepanz zu seinen so meisterhaft, so überlegen, so zeitlos gültig vorgetragenen philosophischen Lehren hat sich bereits die Antike gestört, und dies mit z. T. schärfsten Worten. Griffig auf eine Formel gebracht ist es der längst und immer wieder erörterte Vorwurf aliter loqueris, aliter uiuis, wie ihn Seneca ausdrücklich selbst bezeugt, wenn er sich in seinem wohl gegen Ende der 50er Jahre entstandenen Dialog ‘De vita beata’ gegen Scheinheiligkeit, Heuchelei und Doppelmoral zu wehren sucht – ausgerechnet der Mann, dem Tacitus als Vermächtnis eine imago uitae suae in den Mund legen sollte:

7,17,1ff. si quis …, quod solent, dixerit: ‘quare ergo tu fortius loqueris quam uiuis?, 18,1f. ‘aliter’ inquis ‘loqueris, aliter uiuis’, 19,3 negatis quemquam praestare, quae loquitur, nec ad exemplar orationis suae uiuere; erneut aufgenommen in der Verteidigungsrede des Sokrates und damit fast leitmotivisch 25,8 ‘… non ego aliter’ inquit sapiens ‘uiuo quam loquor, sed uos aliter auditis; sonus tantummodo uerborum ad aures uestras peruenit. quid significet, non quaeritis.’10

Er belässt es freilich nicht bei einem derart allgemeinen Vorwurf. Seneca benennt folgende, scheinbar biographisch zutreffende, sehr detailliert und rhetorisch ausgemalte, eingängig präsentierte Kritikpunkte:

1.) sein Reichtum und das sich daraus ergebende, unnötig und übertrieben luxuriöse Leben,

2.) seine Flucht aus der Verbannung; Affekte wie Trauer, Ärger über Verlust, Tod, Gerede:
7,17,1ff. quare et superiori uerba summittis et pecuniam necessarium tibi instrumentum existimas et damno moueris et lacrimas audita coniugis aut amici morte demittis et respicis famam et malignis sermonibus tangeris? quare cultius rus tibi est, quam naturalis usus desiderat? cur non ad praescriptum tuum cenas? cur tibi nitidior supellex est? cur apud te uinum aetate tua uetustius bibitur? cur aurum disponitur? cur arbores nihil praeter umbram daturae conseruntur? quare uxor tua locupletis domus censum auribus gerit? quare paedagogium pretiosa ueste succingitur? quare ars est apud te ministrare nec temere et ut libet conlocatur argentum, sed perite struitur et est aliquis scindendi obsonii magister?’ adice si uis: ‘cur trans mare possides? cur plura quam nosti? <cur> turpiter aut tam neglegens es, ut non noueris pauculos seruos aut tam luxuriosus, ut plures habeas, quam quorum notitiae memoria sufficiat?’ adiuuabo postmodo conuicia et plura mihi, quam putas, obiciam … 21,1ff. ‘quare ille philosophiae studiosus est et tam diues uitam agit? quare opes contemnendas dicit et habet, uitam contemnendam putat et tamen uiuit, ualetudinem contemnendam, et tamen illam diligentissime tuetur atque optimam mauult? et exilium uanum nomen putat et ait ‘quid enim est mali mutare regiones?’ et tamen, si licet, senescit in patria? et inter longius tempus et breuius nihil interesse iudicat, tamen, si nihil prohibet, extendit aetatem et in multa senectute placidus uiret?’;

3.) sein Sexualverhalten als versteckte Anspielung auf homosexuelle Verfehlungen in der Rede des Sokrates: 27,5 mihi ipsi Alcibiaden et Phaedrum obiectate.

Dass es sich dabei nicht etwa um eine der Auflockerung dienende Fiktion handelt, Seneca im Gespräch mit dem üblichen fictus interlocutor seiner ‘Dialoge’, dass Derartiges einen nur allzu realen Hintergrund hatte, ist durch drei weitere Zeugnisse bestens belegt. Zur Dokumentation zitiert sei die bekannte Passage bei Cassius Dio mit einer reichen Sammlung scharfer, in gehässigem Ton vorgetragener Vorwürfe, deren unsachliche Form sich, zumal durch die sexuelle Prägung als eine Art Rahmung, schon selbst als unseriös und typische Invektive disqualifiziert:11

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1.) sein sexuelles Fehlverhalten als wiederholter Ehebrecher im Kaiserhaus (Julia, Agrippina), und dies trotz seiner Verbannung als Strafe und trotz Agrippinas bzw. Neros Wesen,
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sowie sein Handeln überhaupt im vollsten Widerspruch zu seinen philosophischen Lehren:
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2.) seine gesuchte Nähe zum Kaiserhaus und damit zur Tyrannei trotz andersgearteter Reden, seine unerträgliche Schmeichelei vor Messalina und den Freigelassenen des Claudius, wie sie die später schamvoll unterdrückte Bittschrift aus der Verbannung bezeugt,
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3.) sein Reichtum und das sich daraus ergebende, unnötig und übertrieben luxuriöse Leben mit 75 Millionen Denaren und 500 gleichartigen Tischen aus Zitronenholz mit Elfenbeinfüßen für seine Gelage, ebenfalls trotz andersgearteter Äußerungen gegen Reiche, Image

4.) sein sexuelles Fehlverhalten im Umgang mit jungen Männern und sein diesbezüglich schlechter Einfluss auf Nero mit merkwürdigen Umgangsformen. Image

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Vorhaltungen gegen Seneca wie die der allgemein gehaltenen und nicht auf einen bestimmten Anlass zeitlich fixierten Worte des Cassius Dio sind konkret im Spätsommer 58 n. Chr. in Rom im Umfeld eines Gerichtsverfahrens zu finden, wie der zeitnähere Tacitus in ähnlicher Weise mit einem Katalog derartiger Vorwürfe bezeugt:12

1. Senecas Abneigung gegen Claudius wegen der rechtmäßig verhängten Verbannung,
Senecam increpans infensum amicis Claudii, sub quo iustissimum exilium pertulisset. …

2. seine unnützen Studien als schlechter Einfluss auf unerfahrene Jugend,
simul studiis inertibus et iuuenum imperitiae suetum

3. sein Neid auf andere mit rhetorischen Erfolgen,
liuere iis, qui uiuidam et incorruptam eloquentiam tuendis ciuibus exercerent. …

4. sein sexuelles Fehlverhalten als wiederholter Ehebrecher im Kaiserhaus,
se quaestorem Germanici, illum domus eius adulterum fuisse. an grauius aestimandum sponte litigatoris praemium honestae operae adsequi quam corrumpere cubicula principum feminarum?

5. sein Reichtum, erworben in nur vier Jahren königlicher Freundschaft, durch Jagd auf Testamente und Zinswucher bis in die Provinzen,
qua sapientia, quibus philosophorum praeceptis intra quadriennium regiae amicitiae ter milies sestertium parauisset? Romae testamenta et orbos uelut indagine eius capi, Italiam et prouincias immenso faenore hauriri. …

6. seine Stellung als bloßer Emporkömmling im Vergleich zu anderen.
at sibi labore quaesitam et modicam pecuniam esse. crimen, periculum, omnia potius toleraturum, quam ueterem agendo partam dignationem subitae felicitati submitteret.

Gegenstand einer offiziellen Anklage gegen Seneca, einer öffentlichen Untersuchung war das alles freilich nicht. Es war eine Retourkutsche des daraufhin unter einem Vorwand und wohl auf Senecas Veranlassung selbst Angeklagten, des offenbar professionellen Delators P. Suillius Rufus. Nach Tacitus hatte Seneca 54 n. Chr. und damit unmittelbar nach dem Machtwechsel dafür gesorgt, dass die bestehenden, z. T. aber nur sehr locker gehandhabten, missbrauchten Gesetze gegen Denunzianten und Delatoren verschärft und auch tatsächlich wieder angewendet wurden.13 Das war Bestandteil der ersten, von Seneca formulierten Reden Neros gewesen, gleichsam Teil seiner Regierungserklärung. Wenn sich Suillius mit seinen Ausfällen gegen Seneca wandte, so ist dies lediglich der verärgerte Protest eines Getroffenen gegen den, dem er seine veränderte Situation, seinen Ansehensverlust und schließlich seine sichere Verurteilung zu verdanken hatte. Und so ist klar, wie ernst die Vorwürfe des Suillius zu nehmen sind – es sind bösartige, verleumderische Anschuldigungen; Tacitus spricht einleitend von gehässigen Anfeindungen, von inuidia.14 Zumindest z. T. aber dürfte solches die allgemeine Stimmung gegen Seneca widergespiegelt haben; man spekuliert auch, die entmachtete Agrippina könnte als treibende Kraft beteiligt gewesen sein. Es ist ein Zeichen von Senecas allmählich schwindendem Einfluss, dass es möglich war, solches Ende der 50er Jahre dem doch eigentlich engsten Vertrauten des Kaisers, seinem praeceptor und amicus öffentlich vorzuwerfen.

Ähnliches findet sich wenige Jahre später unmittelbar vor Senecas secessus15