Einführungen in das Alte Testament

Band 1

Herausgegeben von Andreas Wagner

Achim Behrens

Das Alte Testament verstehen

Die Hermeneutik des ersten Teils der christlichen Bibel

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Inh. Dr. Reinhilde Ruprecht e.K.

Mit 11 Abbildungen.

Umschlagabbildung © igor kisselev – Fotolia.com

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Eine eBook-Ausgabe ist erhältlich unter DOI 10.2364/3767571488.

© Edition Ruprecht Inh. Dr. R. Ruprecht e.K. Postfach 1716, 37007 Göttingen – 2013

www.edition-ruprecht.de

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Lektorat und Layout: Susanne Albrecht, Leverkusen Umschlag: klartext GmbH, Göttingen

ISBN:

978-3-7675-7148-8 (Hardcover), 978-3-8469-0130-4 (Paperback), 978-3-8469-0131-1 (eBook)

eBook-Herstellung von:
readbox publishing, Dortmund
für PaperC

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1Was ist Hermeneutik?

1.1Hermeneutik: Das Verstehen verstehen

1.1.1Das Verstehen versteht sich nicht von selbst

1.1.2Erklären und Verstehen

1.1.3Vorverständnis und hermeneutischer Zirkel

1.1.4Sprache und Geschichte

1.2Theologische Hermeneutik

1.2.1Was ist Theologie? Oder: Kann man Gott verstehen?

1.2.2Glauben und Verstehen

1.2.3Verstehen und verstanden werden

1.2.4Verstehen und Konfession

1.3Biblische Hermeneutik

1.3.1(K)ein Buch wie jedes andere

1.3.2Gotteswort im Menschenwort

1.3.3Geschichte und Gegenwart – Sinn und Bedeutung

1.3.4Autor – Werk – Rezipient

1.4Hermeneutik des Alten Testaments

1.4.1Das hermeneutische Problem des AT

1.4.2Was ist das Alte Testament?

1.4.3Altes Testament – Hebräische Bibel?

2Geschichtliche Stationen der Fragestellung

2.1Das Alte Testament im Neuen

2.1.1Voraussetzungen

2.1.2Der Umgang Jesu mit der Schrift

2.1.3Die Passion Jesu im Lichte der Schrift

2.1.4Verheißung und Erfüllung– das Matthäusevangelium

2.1.5Heilsgeschichte – das Lukasevangelium

2.1.6Typologie – Paulus

2.1.7Allegorie – der Hebräerbrief

2.2Von den frühen Christen bis zum Mittelalter

2.2.1Marcion – die Kirche tritt das Erbe an

2.2.2Regula fidei – die ersten Jahrhunderte

2.2.3Allegorische Deutung und „vierfacher Schriftsinn“ – das Mittelalter

2.3Von der Reformation bis zur Gegenwart

2.3.1„Zurück zu den Quellen!“ – Humanismus und Luthers Reformation

2.3.2Philologie und Inspiration – Konfessionalisierung und Orthodoxie

2.3.3„Biblische Theologie“ – Pietismus und Aufklärung

2.3.418. und 19. Jh.: Entstehung und Entfaltung einer historisch-kritischen Methode

2.4Das hermeneutische Problem des AT bleibt aktuell

3Lösungsansätze in der neueren Theologie

3.1Verheißung und Erfüllung

3.1.1Das AT als Dokument des Scheiterns – die Position Rudolf Bultmanns

3.1.2Verheißung! – Die Position Friedrich Baumgärtels

3.1.3Erfüllung – Die Position Walther Zimmerlis

3.1.4Biblisch-exegetischer Impuls: Die Verheißung des Messias im AT

3.2Typologie

3.2.1Typologie als Analogie – die Position Hans Walter Wolffs

3.2.2Strukturanalogie – Die Position von Horst Dietrich Preuß

3.2.3Biblisch-exegetischer Impuls: Abraham als Beispiel des Glaubens im NT

3.3Existenziale Interpretation

3.3.1Messen am Maßstab des Christlichen – die Position Antonius H. J. Gunnewegs

3.3.2Biblische Theologie als wertbeziehende Exegese – die Position Manfred Oemings

3.3.3Die Einzigartigkeit des biblischen Gottes – die Position Otto Kaisers

3.3.4Biblisch-exegetischer Impuls: „Glaube und Liebe“ im Alten und Neuen Testament

3.4Gemeinsame Geschichte von AT und NT

3.4.1Das Alte Testament ist ein Geschichtsbuch – die Position Gerhard von Rads

3.4.2Die Einheit des biblischen Traditionsprozesses – die Position Hartmut Geses

3.4.3Biblisch-exegetischer Impuls: Altes und Neues Testament in theologischer Reflexionsgeschichte

3.5Hermeneutik des AT im Gespräch mit dem Judentum

3.5.1Altes oder „Erstes“ Testament – die Position Erich Zengers

3.5.2Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen – die Position Frank Crüsemanns

3.5.3Einführung in jüdische Bibelauslegung

4Annäherungen

4.1Das hermeneutische Problem des AT

4.2Die Vielfalt ist angemessen

4.3Hermeneutik des Alten Testaments als theologisches Unterfangen

4.4Voraussetzungen zur Weiterarbeit

Bibelstellenregister

Die Stichworte

Bildquellennachweis

Vorwort

Die Bibel ist der Grundtext des christlichen Glaubens, die Urkunde, die die ältesten Nachrichten über den Gott enthält, den Christinnen und Christen als Schöpfer, Erlöser und Vollender bekennen. Das Alte Testament erzählt von diesem Gott. Er hat die Welt erschaffen und die Menschen zu seinem Ebenbild, so sagen es die ersten Kapitel der Genesis, des ersten Buches Mose. Dieser Gott hat Israel zu seinem Volk erwählt und es durch eine spannende und dramatische Geschichte hindurch begleitet. Dieser Gott redet durch die Propheten. Die Psalmen antworten auf das Reden Gottes und bringen das menschliche Leben mit allen seinen Facetten vor diesen Gott. Das Neue Testament bezeugt, wie eben dieser Gott, der vorher auf „vielerlei Weise geredet hat“ (Hebr 1,1), dann in Christus Mensch wird. Da öffnet sich der Glaube Israels für die ganze Welt. Jetzt aber hören auch die glaubenden Christen aus der ganzen Menschheit die Worte des Alten Testaments neu. Diese Worte Gottes, die ursprünglich zu Israel gesagt wurden, sind Wort Gottes auch für die Gemeinde der Christinnen und Christen. Dies ist eigentlich ein unglaublicher Vorgang: Das sogenannte „Alte Testament“ dürfte wohl das einzige Buch sein, das schon 3000 Jahre alt ist und sich immer noch in fast jedem Haushalt findet. Dieses Lehrbuch will genau diesen Vorgang bedenken, wie nämlich aus dem Alten und dem Neuen Testament die eine Bibel wurde und was es bedeutet, dass Menschen sich heute noch darauf beziehen. Dieses Nachdenken wird hier unter dem Stichwort Hermeneutik betrieben. Hermeneutik fragt danach, wie Verstehen möglich ist. Dabei geht es um nicht weniger als um den Kern aller christlichen Theologie; denn das Verstehen des Redens von Gott und das Verständlichmachen dieses Redens für andere ist die Aufgabe der Theologie. Wenn im Folgenden also nach dem Verhältnis der beiden Testamente der Bibel gefragt wird, dann handelt es sich nur scheinbar um eine theologische Einzelfrage. Betroffen sind die Grundlagen des christlichen Glaubens überhaupt. Deshalb ist das Nachdenken über biblische Hermeneutik nicht nur hilfreich, sondern unerlässlich für alle, die sich mit christlicher Theologie beschäftigen wollen.

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben. Zuerst Prof. Dr. Andreas Wagner, der das Projekt angeregt hat und mein hermeneutisches Nachdenken schon seit Jahrzehnten als Gesprächspartner begleitet. Ein Extradank geht an die Studierenden der Theologie, die im Sommersemester 2011 manche Passage dieses Buches mit mir durchgesprochen und auf Stolpersteine hingewiesen haben, als da sind: Thomas Beneke, Heinz Hiestermann, Alexander Reitmayer, Simon Volkmar und Fritz von Hering. Für Korrekturen des Manuskripts danke ich Karin Kanth-Behrens und Inge Kranz.

Oberursel im Oktober 2011 Achim Behrens

Einleitung

Thema

Dieses Buch möchte Leserinnen und Leser an das Verstehen des Alten Testaments heranführen. Allerdings liegt hier weder eine wissenschaftliche Bibelauslegung (Exegese), noch eine Bibelkunde oder eine Sammlung von Texterklärungen oder Auslegungen vor. Vielmehr ist das Thema dieses Lehrbuches grundsätzlicher. Dies lässt sich am Untertitel verdeutlichen, in dem das Alte Testament als „erster Teil der christlichen Bibel“ bezeichnet wird. Diese Gleichsetzung ist nur auf den ersten Blick eine Selbstverständlichkeit. Denn die Schriften, die im sog. „Alten Testament“ versammelt werden, sind alle im 1. Jahrtausend vor Christus entstanden; zu einem Teil der christlichen Bibel werden sie erst durch die Kombination mit den neutestamentlichen Schriften. Die alttestamentlichen Schriften lassen sich auch als religiöse Hinterlassenschaften einer antiken Kultur des Vorderen Orients lesen. Darüber hinaus bildet die Sammlung dieser Schriften die vollständige Bibel des Judentums, dann natürlich nicht unter der Bezeichnung „Altes Testament“. Hier aber kommen diese Texte als erster Teil der christlichen Bibel in den Blick. Denn die Christenheit versteht die Schriften des AT als Reden des Gottes, der sich auch in Jesus Christus offenbart hat. Wie aber ist das Verhältnis des Alten Testaments zu Christus und den neutestamentlichen Schriften genau zu bestimmen? Inwiefern sind diese alten Schriften heute noch verbindliche Texte für Christinnen und Christen? Was bedeutet es für das Verhältnis von Christentum und Judentum, dass hier zum einen dieselbe Heilige Schrift gelesen, diese zum andern aber auf unterschiedliche Weise gelesen wird? Hiermit sind Grundfragen der Theologie, ja des christlichen Glaubens überhaupt angesprochen: Was hat es mit der Bibel auf sich? Wie ist das Verhältnis von Offenbarung und Geschichte? Wie können Menschen heute die Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit immer noch oder wieder neu als relevante Texte verstehen? Was passiert beim „Verstehen“ überhaupt? Diese und andere Fragen werden hier unter der Überschrift „Hermeneutik“ verhandelt. Das, was damit gemeint ist, begleitet Studentinnen und Studenten ihr gesamtes Studium und Christinnen und Christen – bewusst oder unbewusst – ihr ganzes Leben hindurch.

Aufbau

Im ersten Kapitel wird zunächst an das Thema „Verstehen“ durch den Dreischritt Hermeneutik – theologische Hermeneutik – alttestamentliche Hermeneutik herangeführt. Das zweite Kapitel stellt in einem Durchgang durch die Kirchen- und Theologiegeschichte unterschiedliche Möglichkeiten dar, das AT als ersten Teil der christlichen Bibel zu verstehen. Dann folgt im dritten Kapitel der eigentliche Hauptteil dieses Buches. Hier werden neuere und neueste Modelle dargestellt, das Verhältnis von Altem und Neuem Testament unter den Bedingungen der theologischen Wissenschaft im 20. und 21. Jahrhundert zu bestimmen. Dies geschieht anhand ausgewählter Texte von herausragenden Theologen. Dabei begegnen die Leserinnen und Leser zum einen Forschern, die bereits Theologiegeschichte geschrieben haben, wie Rudolf Bultmann oder Gerhard von Rad, und treffen zum andern auf neueste Positionen, deren Wirkung in der theologischen Öffentlichkeit sich erst noch erweisen muss. Die zwölf behandelten Exegeten werden dabei auf fünf unterschiedliche Modelle der alttestamentlichen Hermeneutik verteilt. Dies geschieht hilfsweise und darf nicht als starre Zuordnung verstanden werden. In anderen Gesamtdarstellungen ist der eine oder andere Autor einem anderen Modell zugeordnet als hier. Dies zeigt auch, dass die unterschiedlichen Ansätze oft nicht so sehr voneinander unterschieden sind, wie die manchmal scharfe Polemik der einen gegen die anderen glauben machen will. Dies wird auch noch einmal in dem abschließenden vierten Kapitel deutlich, das sowohl eine Zusammenfassung bieten als auch die Notwendigkeit zur eigenständigen Weiterarbeit über dieses Buch hinaus aufzeigen soll.

Didaktische Elemente

Dies soll ein Lehr- und Arbeitsbuch sein. Unterschiedliche Elemente sollen die Leserin und den Leser zur Mitarbeit ermuntern und diese zugleich erleichtern. Dazu gehören die Marginalien – kurze Sätze am Seitenrand, die einerseits das, was daneben steht, auf den Punkt bringen und andererseits das Wiederfinden von Themen erleichtern sollen. Sie haben oft die Funktion von Merksätzen. Am Ende jedes Teilkapitels finden sich Kontrollfragen. Sie dienen der Selbstprüfung oder können auch in Lern- oder Arbeitsgruppen aufgegriffen und besprochen werden. In den ersten beiden Kapiteln sind bestimmt Zitate aus der Bibel oder Kirchengeschichte grafisch hervorgehoben. Regelmäßig werden im Verlauf des Textes Stichworte zum Thema Hermeneutik in eigenen Kästchen erklärt. In Einzelfällen dienen Grafiken zur Veranschaulichung des Textes. Im dritten Kapitel wird jeder behandelte Forscher durch ein kurzes Biogramm (wenn möglich mit Bild) vorgestellt, denn der zeitgeschichtliche Kontext und der Werdegang eines Verfassers bestimmen zuweilen auch die vertretene Position. Hier, im dritten Kapitel, finden sich Literaturangaben immer vor der Darstellung der jeweiligen Position. Ein Gesamtliteraturverzeichnis am Ende des Buches wird dann nicht mehr geboten. Es sei ausdrücklich ermutigt, diese Originale selbst zur Hand zu nehmen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich um kurze Texte. Im dritten Kapitel wird besonders deutlich, dass Theologinnen und Theologen nicht über die Hermeneutik der Bibel nachdenken können, ohne die Bibel selbst zu lesen. In kurzen Essays unter dem Titel biblisch-exegetischer Impuls sollen daher hermeneutische Modelle, die zuvor an Forschertexten dargestellt wurden, an biblischen Texten selbst nachvollzogen und verdeutlicht werden. Diese Abschnitte seien den Leserinnen und Lesern dieses Buches besonders ans Herz gelegt. Denn bei allem Nachdenken über das wichtigste Buch der Christenheit – die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments – muss es immer wieder darum gehen, zur Lektüre der Bibel selbst Lust zu machen. Bei der Arbeit mit diesem Lehrbuch sollte also eine Bibel immer greifbar sein!

Die Abkürzungen dieses Buches folgen:

Schwertner, Siegfried: Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete, Berlin/New York 21993.

Betz, Hans Dieter/ Browning, Don S./ Janowski, Bernd/ Jüngel, Eberhard (Hg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 41998–2007.

Darüber hinaus wurde verwendet:

WiBiLex = Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet auf der Homepage der Deutschen Bibelgesellschaft 2006ff. [http://wibilex.de].

1 | Was ist Hermeneutik?

Inhalt

1.1 Hermeneutik: Das Verstehen verstehen

1.2 Theologische Hermeneutik

1.3 Biblische Hermeneutik

1.4 Hermeneutik des Alten Testaments

1.1 | Hermeneutik: Das Verstehen verstehen

1.1.1 | Das Verstehen versteht sich nicht von selbst

Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen

Es beginnt mit einem Fremdwort: In diesem Buch soll es um die Hermeneutik des Alten Testaments gehen. Was aber ist Hermeneutik? Wer sich an die Beantwortung dieser Frage macht, ist bereits „hermeneutisch“ tätig; denn in Fremdwörterbüchern ist Hermeneutik die „wissenschaftliche Methode des Verstehens und Erschließens“ oder die „Methode der Auslegung und Deutung von Texten, Kunstwerken oder Musikstücken“. Das Fremdwort kommt vom griechischen Verb hermeneuein, das „erklären“, „übersetzen“ oder auch „verstehen“ bedeutet. Als Merkhilfe kann der Name des griechischen Götterboten Hermes dienen, der die Botschaften der Götter verständlich an die Menschen übermittelt und sozusagen der „Hermeneut“ der übrigen Götter ist.

Nachdem bis ins 18. Jh. von einer hermeneutica sacra als Deutung heiliger Dinge oder Schriften die Rede war (vgl. Johann Conrad Dannhauer, 1603–1666), kommt es im 19. und 20. Jh. zur Ausbildung einer methodischen Lehre vom Verstehen unter dem Begriff Hermeneutik. Maßgeblich sind hier:

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834), der Hermeneutik als „Kunstlehre des Verstehens“ definiert,

Wilhelm Dilthey (1833–1911), für den Hermeneutik die Grundlage aller Geisteswissenschaften wird,

Martin Heidegger (1889–1976), für den die gesamte Existenz durch den Vorgang des Verstehens bestimmt wird, und

Hans-Georg Gadamer (1900–2002), der mit seinem Buch „Wahrheit und Methode“ ein Grundlagenwerk aller hermeneutischen Philosophie verfasst hat.

Schleiermacher

Hiervon angestoßen wird in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s Hermeneutik ein zentrales Thema der (evangelischen) Theologie. Schleiermacher und Dilthey können jeweils als Vertreter der Theologie und der Philosophie gelten und verkörpern so das Miteinander beider Disziplinen.

Die „Kunstlehre des Verstehens“

Hermeneutik als Lehre vom Verstehen deutet darauf hin, dass das Verstehen sich nicht von selbst versteht. Vielmehr wird es selbst zum Gegenstand der Erkenntnisbemühungen. Was genau ist „verstehen“? Wie geht es vor sich? Welche Faktoren bedingen es? Warum gibt es auch Missverständnisse? Diese und ähnliche Fragen sind nur erste Hinweise darauf, dass ein methodisches Nachdenken über das Verstehen und seine Bedingungen notwendig ist.

1.1.2 | Erklären und Verstehen

„Die Natur erklären wir, das Seelen leben verstehen wir.“

Dilthey

In der oben angeführten Definition aus einem Fremdwörterbuch wird Hermeneutik auf Texte, Kunstwerke und Musik bezogen. Diese Liste ließe sich leicht erweitern. Allerdings fällt auf, dass der Bereich der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht berührt ist. Im Hinblick auf Naturgesetze, den Aufbau von Molekülen oder technische Vorgänge spricht man (ursprünglich) nicht von Hermeneutik. So hat W. Dilthey Natur- und Geisteswissenschaften dahingehend unterschieden, dass es bei jenen ums Erklären, in diesen aber ums Verstehen ginge. „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Diese Unterscheidung ist zwar etwas vereinfacht – insbesondere dürfen die Naturwissenschaften nicht nur mechanistisch verstanden werden – aber dass zwischen der Darlegung einer physikalischen Gesetzmäßigkeit und der Frage, ob philosophische oder religiöse Aussagen für den Menschen wahr oder von Bedeutung sind, ein Unterschied besteht, bleibt doch einleuchtend. So kann die Unterscheidung von Erklären und Verstehen für eine erste Annäherung an das Thema Hermeneutik immer noch hilfreich sein, indem sie dafür sensibel macht, dass es nicht um ein vermeintlich objektives Verstehen von vorgegebenen Sachverhalten unter Absehung von der Person des oder der Verstehenden geht. Bei Hermeneutik geht es immer auch um denjenigen, der versteht.

1.1.3 | Vorverständnis und hermeneutischer Zirkel

Verstehen heißt: Neues mit Bekanntem in Beziehung setzen

Es gibt kein voraussetzungsloses Verstehen!

Eine der grundlegenden Einsichten der Hermeneutik ist, dass es kein objektives Verstehen gibt. Beim Vorgang des Verstehens sind diejenigen, die verstehen wollen, keineswegs wie unbeschriebene Blätter, die durch etwas, das verstanden werden soll (z. B. Texte), lediglich mit neuen Informationen gefüllt würden. Vielmehr heißt Verstehen immer auch, bisher Unbekanntes mit bereits Bekanntem in Beziehung zu setzen. Im Akt des Verstehens bringen diejenigen, die verstehen wollen, immer schon etwas mit. Dies bezeichnet man in der Hermeneutik als Vorverständnis. Das Vorverständnis besteht grundsätzlich aus allen Voraussetzungen, die das Verständnis mit prägen. Dazu gehört ein bestimmter Bezug zur Sache, die verstanden werden soll. Wenn jemand z. B. eine biblische Geschichte verstehen will, spielt es eine Rolle, ob er die Geschichte schon aus anderen Zusammenhängen kennt, ob er wohlwollend oder skeptisch an den Text herangeht, ob er einen Bezug zu Religion oder religiösen Texten hat oder nicht, ob er in der Lage ist, den Text in der Ursprache zu lesen, ob sein Verstehen sich in einem wissenschaftlichen oder gottesdienstlichen Kontext abspielt etc. Ebenso gehören zum Vorverständnis auch die allgemeinen Faktoren, die die Person prägen: Hat jemand Freude an Texten; kann er oder sie lesen; ist er in Europa oder in einem anderen Kontext aufgewachsen, in einem bildungsfernen oder bildungsnahen Umfeld? Will hier eine Frau oder ein Mann verstehen? Die Zahl der Faktoren, die das Vorverständnis mitbestimmen, ist prinzipiell sehr groß. Es soll nicht darum gehen, sich im Verstehensprozess möglichst vom Vorverständnis frei zu machen, um „voraussetzungslos“ zu verstehen. Das ist weder möglich noch nötig. Es gehört aber zur methodischen Hermeneutik dazu, sich das eigene Vorverständnis mit seinen jeweils wesentlichen Faktoren bewusst zu machen, damit nicht ein Vorurteil daraus wird, das unreflektiert den Verstehensprozess dominiert.

Das Vorverständnis wird geklärt, und das Verstehen beginnt wieder neu.

Wenn mir also bewusst wird, dass ich Dinge immer nur unter bestimmten Voraussetzungen verstehe, dann kann ich mit einem Text insofern in ein echtes Gespräch eintreten, dass der Text die Chance hat, meine mitgebrachten Meinungen oder Urteile zu bestätigen oder auch zu korrigieren. Mit einem veränderten Vorverständnis wird sich der Verstehensprozess nun unter anderen Vorzeichen wiederholen. Dieser Vorgang lässt sich als hermeneutischer Zirkel bezeichnen, obwohl damit eigentlich eine Spirale gemeint ist; denn am Ende des Zirkels wiederholt sich ja der Verstehensprozess nicht einfach auf dieselbe Weise, sondern das Vorverständnis wurde unter Umständen in der Begegnung mit dem zu verstehenden Text, Kunstwerk, Musikstück etc. verändert. Im Innewerden und gegebenenfalls der Korrektur des eigenen Vorverständnisses sind diejenigen, die verstehen, immer auch selbst in den Verstehensprozess eingebunden.

Der hermeneutische Zirkel

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1.1.4 | Sprache und Geschichte

Sprache ist Medium des Erkennens und Verstehens.

Verstehen ereignet sich in der Regel im Medium der Sprache, jedenfalls soweit es sich, wie im vorliegenden Fall, um Texte oder die Verständigung mit anderen Menschen handelt. Wenn man auch im Hinblick auf Musikstücke, Kunstwerke oder auch, wie H. G. Gadamer anführt, in Bezug auf das Spielen von „Verstehen“ sprechen kann, so wird deutlich, dass Verstehen immer auch eine nonverbale Komponente hat. Hier soll aber auf die außerordentliche Bedeutung des Mediums Sprache für das Verstehen hingewiesen werden. Dies scheint zunächst eine Selbstverständlichkeit zu sein, deren methodische Darstellung im Rahmen einer wissenschaftlichen Hermeneutik erst bei genauerem Nachdenken als notwendig erkannt wird. Bereits in der Bibel wird der Schöpfungsakt sozusagen durch einen Sprechakt Gottes, „Es werde Licht!“ (Gen 1,3), initiiert, und im Neuen Testament spielt das Johannesevangelium deutlich darauf an mit den Worten „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). So ist für den christlichen Glauben die Sprache nicht nur das Schlüsselmedium der Offenbarung, sondern für die Theologie ist die Sprache sozusagen das zentrale hermeneutische Handwerkszeug des Verstehens und der Darlegung des Verstandenen. Aber auch außerhalb der Theologie kommt der Sprache im Rahmen einer methodischen Hermeneutik eine gewichtige Rolle zu. So wies bereits der humanistische Gelehrte Wilhelm von Humboldt (1767–1835) auf den Zusammenhang von Sprache und Erkenntnis hin. Seines Erachtens führen unterschiedliche Sprachen mit eigenen Ausdrucksmöglichkeiten auch zu einer ganz eigenen Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt.

Sprechen ist Handeln.

Auch wenn dies als anthropologisches Denkmodell umstritten ist, bleibt doch die Einsicht, dass z. B. beim Übersetzen von einer Sprache in die andere zwischen unterschiedlichen Begriffen ausgewählt werden muss („Himmel“ kann im Englischen „sky“ oder „heaven“ sein, mit je unterschiedlichen Bedeutungsnuancen, während das Deutsche diese begriffliche Differenzierungsmöglichkeit nicht hat). Überhaupt ist der Akt des Übersetzens immer auch ein Akt der Interpretation und als solcher immer auch umstritten, wie die Auseinandersetzungen über die Bibelübersetzungen von Martin Luther bis hin zur „Bibel in gerechter Sprache“ zeigen. So dient Sprache der Benennung der Welt und damit ihrem Verstehen und ist zugleich immer auch Mittel der Weltgestaltung. Dies hat eindrücklich die Sprechhandlungstheorie des englischen Sprachphilosophen John L. Austin (1911–1960) (weitergedacht durch John R. Searle *1932) gezeigt. Nachdenken über Sprache ist somit ein unabdingbarer Bestandteil jeder methodischen Hermeneutik.

Verstehen ist geschichtlich bedingt.

Dies gilt ebenso für die Geschichte. Denn Verstehen spielt sich so gut wie nie ausschließlich im Modus der Gleichzeitigkeit (synchrones Verstehen) ab, so dass Texte, Musikstücke, Kunstwerke etc. als in sich geschlossene Werke mit einem insgesamt zu erfassenden Inhalt aufgefasst werden unter Absehung vom geschichtlichen Entstehungsprozess, der zu einem solchen Werk geführt hat. Vielmehr wird an biblischen Texten besonders deutlich, was im Verstehensprozess so gut wie immer gilt: Ein solcher Text, sein Autor und die Umstände, aus denen beide stammen, sind historisch bedingt, so dass Verstehen immer einen geschichtlichen Abstand überwinden muss (diachrones Verstehen). Nicht weniger bedeutsam: Auch heutige Leserinnen und Leser sind historisch bedingt, bringen ihre eigene Geschichte mit und stehen in bestimmten Traditionen. Beides ist im Rahmen einer methodischen Hermeneutik zu berücksichtigen. Dazu kommt, dass biblische Texte (wie andere „Werke“ auch) nicht nur von Geschichte berichten, sondern selbst in einer Überlieferungsgeschichte stehen und über den Zeitpunkt ihrer ursprünglichen Entstehung hinaus eine Auslegung erfahren und Wirkung entfaltet haben. Insbesondere wenn nicht nur nach dem ursprünglichen historischen Sinn eines Textes, sondern auch nach seiner gegenwärtigen Bedeutung für das Leben von Leserinnen und Lesern gefragt wird, ist die Wirkungsgeschichte eines solchen Textes zu bedenken. Dann wird unter Umständen deutlich, dass ein Text im Zuge seiner Überlieferung immer neue Deutungen und gerade so aktuelle Bedeutung erlangt. Der eine, vermeintlich ursprüngliche Sinn eines geschichtlichen Textes bleibt dann ein kaum noch zu erreichendes Ideal.

Fragen

Was versteht man unter Hermeneutik?

Was ist das „Vorverständnis“?

Nennen Sie einige Bedingungen, denen das Verstehen unterliegt!

1.2 | Theologische Hermeneutik

1.2.1 | Was ist Theologie? Oder: Kann man Gott verstehen?

Theologie ist das methodische Bemühen, den eigenen Glauben zu verstehen und verständlich darzustellen.

Die Wortbedeutung von Theologie ist Lehre von Gott. Gott aber entzieht sich in seinem Sein der menschlichen Erkenntnis; er ist unsichtbar und lässt sich nicht vermessen oder vollständig beschreiben. Wollte man also Verstehen mit einem naturwissenschaftlichen Erklären gleichsetzen, müsste man gegenüber einer methodischen Hermeneutik in der Theologie eine Skepsis an den Tag legen, wie sie sich in der polemischen Floskel ausspricht: „Glaube heißt nicht Wissen“. Dies müsste man nach dem oben Gesagten dann im Hinblick auf die meisten Geisteswissenschaften ebenso sagen. Allerdings geht es in der Theologie nicht darum, Gott selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen. Vielmehr basieren Aussagen über Gott im Rahmen der christlichen Theologie auf der Grundüberzeugung, dass Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt, sich offenbart. Diese Selbstkundgabe Gottes geschieht zentral in der menschlichen Person Jesus von Nazareth und in menschlichen Worten wie sie das Alte und Neue Testament überliefert (wobei die Bezeichnung „menschliche“ Worte nicht gegen die Bezeichnung derselben Texte als „Gottes Wort“ ausgespielt werden darf, siehe 1.3). Ebenso wie der Mensch Jesus Christus ist auch das Ursprungszeugnis des Glaubens, wie es die Bibel als Worte „der Apostel und Propheten“ überliefert, dem menschlichen Verstehen und Missverstehen ausgesetzt. Insofern nun der christliche Glaube sich selbst und seinen Ursprung, seine Quellen, seine Geschichte und seine Lehre verstehen und verständlich darstellen will, ist Theologie ein Akt methodischer Hermeneutik. So lässt sich Theologie als rechenschaftsfähige Selbstreflexion des christlichen Glaubens bezeichnen, die in der Darstellung ihrer Inhalte auf ein methodisches Vorgehen angewiesen ist, wenn sie allgemein vermittelbar sein will.

1.2.2 | Glauben und Verstehen

Wie wir die Welt verstehen, wird vom Glauben mitbestimmt.

Glauben und Verstehen sind also keine Widersprüche, sondern hängen miteinander zusammen. Denn wenn zum Grundbekenntnis der Christenheit gehört, dass Gott sich in Sprache, durch sein Wort offenbart, dann entspricht dem auf menschlicher Seite Hören und Verstehen. Dass Gottes Wort zu seinem Ziel kommt, also Glauben weckt, ist nicht das Ergebnis eines Verstehensaktes, so als müsste ein Mensch, der einen biblischen Text richtig verstanden hat, sozusagen „automatisch“ auch an Gott glauben. Vielmehr ist es ein Wirken des Heiligen Geistes, dass ein Mensch zu einem existenziellen Vertrauen auf Gott findet. Dies geschieht in der Regel aber auch nicht ohne menschliches Verstehen; denn Gott redet durch die Worte der Bibel, die Menschen dann auch verstehen sollen. Zugleich verstehen glaubende Menschen die Welt, sich selbst und Gott anders als Menschen ohne (christlichen) Glauben. So sahen viele (vor allem evangelische) Theologen um die Mitte des 20. Jh.s die Sache der Theologie als solche mit dem Begriff Hermeneutik auf den Punkt gebracht. Angeregt von der Existenzialphilosophie Martin Heideggers oder der hermeneutischen Philosophie Hans-Georg Gadamers und in Auseinandersetzung mit solchen Positionen entwickelte sich eine hermeneutische Theologie. Neben vielen anderen können hierfür der Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884–1976) oder der Systematiker Gerhard Ebeling (1912–2001) als Repräsentanten gelten. Während für Ebeling Glaube und Theologie als Sprachereignis zu bezeichnen sind, das gar nicht ohne Verstehen und methodisches Nachdenken über das Verstehen sein kann, bezeichnet Bultmann den Glauben als eine spezifische Form des Welt-, Selbst- und Gottesverständnisses. Glaube und Verstehen fallen hier fast schon ineinander, gehören aber in jedem Fall aufs engste zusammen.

1.2.3 | Verstehen und verstanden werden

Wer Gott verstehen will, wird auch im eigenen Selbstverständnis verändert.

Wer über den Glauben und Gott nachdenkt, denkt dabei auch immer über sich selbst nach. Insbesondere in diesem Bedenken des Selbstverständnisses kommt das oben bereits genannte Vorverständnis wieder wesentlich zum Tragen. Es geht eben nicht nur darum, dass ein verstehendes „Subjekt“ sich einem zu verstehenden „Objekt“ nähert. Vielmehr verändert das Verstehen den Verstehenden selbst. Die Theologie beschreibt diesen Vorgang im Hinblick auf die Worte der Bibel so, dass dort nicht nur ein „passiver“ antiker Text vorliegt, der von „aktiven“ modernen Leserinnen und Lesern verstanden wird. Vielmehr ist das Bibelwort seinem Wesen nach eine direkte Anrede an alle Menschen, die ihm begegnen. Dies hat Rudolf Bultmann mit dem griechischen Wort Kerygma, das Verkündigung oder Predigt bedeutet, zusammengefasst. Dahinter steht die christliche Grundüberzeugung, dass Gott selbst in den alten Worten durch die Zeiten immer wieder neu zu Menschen spricht. Indem ein Mensch von diesem Kerygma angesprochen wird, entsteht erst Glaube. Das Vorverständnis sowie das ganze Selbstverständnis ändern sich. Der Mensch rezipiert nicht lediglich Informationen aus einem Text, sondern versteht sich selbst und seine gesamte Existenz im Angesicht Gottes neu, weil er sich von Gott in bestimmter Weise erkannt und „verstanden“ weiß. Derjenige, der verstehen will, wird zugleich durch das Gotteswort angeredet. Der Ausleger biblischer Texte wird selbst in seiner Existenz durch das Gotteswort neu „ausgelegt“. Zugespitzt ist hier Gott viel weniger ein „Gegenstand“ der Theologie als vielmehr selbst „Subjekt“ in einem hermeneutischen Prozess. Noch einmal wird deutlich, dass Hermeneutik als Lehre vom Verstehen immer auch ein Nachdenken über die eigene Person einschließt. In theologischer Hermeneutik zeigt sich besonders, dass dieses Nachdenken die ganze Existenz betrifft.

1.2.4 | Verstehen und Konfession

Das jeweilige Bekenntnis bestimmt das theologische Verstehen mit.

Theologie und theologische Hermeneutik werden nicht nur von glaubenden Individuen betrieben, sondern spielen sich in einer konfessionell-kirchlichen Gemeinschaft ab. Das eigene Verstehen des Glaubens, seiner Quellen und seiner Geschichte ist immer auch abhängig von der Bekenntnisgemeinschaft, in der man sozialisiert ist. Daher gehört das Reflektieren des eigenen Bekenntnisstandes und seines geschichtlichen Gewordenseins zum Vollzug theologischer Hermeneutik unabdingbar dazu. Die unterschiedlichen Konfessionen – katholisch, orthodox oder evangelisch (lutherisch, reformiert oder uniert) – reflektieren den christlichen Glauben auf unterschiedliche Weise und bringen das durch verschiedene Arten der Lehre oder der Liturgie zum Ausdruck. Das Entdecken der Gemeinsamkeiten aller Christen und der Unterschiede der einzelnen Kirchen gehört zu jeder theologischen Hermeneutik dazu. Die eigene Konfession wird das Verstehen bewusst oder unbewusst mitbestimmen.

Für evangelische Christinnen und Christen wird dann z. B. die Bindung aller Theologie an das biblische Gotteswort zu einem bestimmenden Faktor, wie dies etwa in Schlagworten aus der Reformationszeit ausgedrückt wird: Verbo solo (allein durch das Wort!) oder sola scriptura (allein durch die Schrift!) heißt es da. Das soll heißen, dass es keine verbindlichen Aussagen über Gott und die wesentlichen Inhalte des Glaubens geben kann, die sich auf andere Quellen als die Bibel stützen (z. B. die kirchliche Tradition). Dies führt in der evangelischen Christenheit unweigerlich zu einer Zuspitzung aller theologischen Hermeneutik in einer biblischen Hermeneutik. Dazu gehört das Bewusstsein, dass sich auch das Nachdenken über das Verstehen der Bibel innerhalb einer Auslegungs- und Rezeptionsgemeinschaft abspielt. Die Traditionen einer solchen konfessionell bestimmten Gemeinschaft sind zwar geschichtlich gewachsen, aber insofern nicht einfach autoritativ vorgegeben als sie von jeder Generation neu bewusst reflektiert und angeeignet werden wollen – auch dies ist ein Akt theologischer Hermeneutik.

Sola scriptura: Theologische Hermeneutik wird in biblischer Hermeneutik zugespitzt.

Stichwort: Bekenntnis/Konfession Die Christenheit fasst ihren Glauben in bestimmten Texten zusammen und bekennt damit zentrale Inhalte des Glaubens. Ein Beispiel ist das Apostolische Glaubensbekenntnis, das in vielen Kirchen am Sonntag gesprochen wird. Es beginnt mit den Worten „Ich glaube an Gott, den Vater ...“

Die unterschiedlichen Kirchen sagen das, was in ihnen als verbindlich vom Glauben gilt, in sog. Bekenntnisschriften aus. So wird eine Kirche zu einer Bekenntnisgemeinschaft, lat. Konfession: Römisch-katholisch, evangelisch-lutherisch, griechischorthodox etc. In der evangelisch-lutherischen Kirche sind das Augsburger Bekenntnis von 1530 oder der Kleine Katechismus Martin Luthers besonders bekannt. In der refomierten Tradition kommt dem Heidelberger Katechismus eine ähnliche Funktion zu.

Fragen

Was versteht man unter Theologie?

Beschreiben Sie den Zusammenhang von Glauben und Verstehen!

Was bedeutet die Formel sola scriptura in der evangelischen Theologie?

1.3 | Biblische Hermeneutik

1.3.1 | (K)ein Buch wie jedes andere

In der christlichen Theologie und besonders in ihrer evangelischen Ausprägung geht es im Zusammenhang mit dem Bemühen, den Glauben zu verstehen, immer zentral um die Bibel. Dieses Gewicht kommt der Bibel in den Kirchen der Reformation vor allem durch Martin Luthers Einsicht zu, dass allein die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments als Gottes Wort Erkenntnisquelle und Regel der christlichen Lehre sein kann. Allen anderen Instanzen in Glaubensfragen kommt dagegen allenfalls eine von der Schrift abgeleitete und ständig an der Schrift zu messende Autorität zu. Dies gilt für kirchliche Traditionen, Dogmen, Konzilsbeschlüsse oder das Lehramt in Gestalt des Papstes oder der Bischöfe, und es gilt selbstverständlich auch für jede nachreformatorische lutherische oder reformierte Lehrbildung, wie sie vor allem in den Bekenntnisschriften zu greifen ist. Diese herausgehobene Stellung ist begründet in dem Bekenntnis, dass die Bibel Gottes Wort ist. Erst sekundär wird der Charakter der Bibel als Gottes Wort auf Gott als Urheber der biblischen Schriften (Inspiration) zurückgeführt (vor allem in der Dogmatik der sog. lutherischen Orthodoxie im späten 16. und 17. Jh.). Wesentlich gründet diese Aussage zuerst in der Gewissheit der Glaubenden, durch das Wort des Alten und Neuen Testaments von Gott selbst angeredet zu sein. Im Getroffensein durch das Wort als Gesetz und Evangelium wird der Mensch sich der Art seiner Existenz vor Gott bewusst. Er erkennt sich als von Gott getrennt (Sünder) und zugleich um Christi willen gerecht gesprochen und angenommen. So lässt sich nach christlichem Verständnis Christus als der zentrale Inhalt der Bibel bestimmen. Zugleich hat die Bibel als Gotteswort eine zentrale Eigenschaft, nämlich die neue Qualifizierung der Existenz der Leser und Hörer im Angesicht Gottes; das biblische Gotteswort weckt Glauben.

Die Bibel ist Gottes Wort in Gesetz und Evangelium.

Stichwort: Gesetz und Evangelium Die Formel „Gesetz und Evangelium“ geht auf Martin Luther zurück und spielt für das evangelische Verständnis vom Wort Gottes eine zentrale Rolle. Demnach hält das Wort Gottes dem Menschen einerseits seine Schuld und Verlorenheit vor Gott vor Augen („Gesetz“), tröstet ihn aber auch mit dem Zuspruch der Gnade Gottes, die in Jesus Christus und seinem Tod und Auferstehen begründet ist („Evangelium“). Beides muss dem Menschen gesagt werden und beides gehört zusammen. Am Ende aber soll der Trost die Anklage überwiegen. Am Ende soll ein Mensch die frohe Botschaft von der Gnade Gottes aus der Bibel oder der Verkündigung hören.

Was das biblische Wort von anderen Formen der christlichen Anrede auf Glauben hin (wie Predigt oder Unterricht) unterscheidet, ist sein Charakter als Ursprungszeugnis des christlichen Glaubens. Hier finden sich die ältesten Nachrichten und Zeugnisse über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi und die erste Verkündigung in den jungen christlichen Gemeinden. Auch wenn es sich bei den Evangelien nicht einfach um Augenzeugenberichte des Lebens Jesu handelt, so liegt hier doch das älteste Zeugnis über das Geschehen, das den christlichen Glauben begründet, vor. Der Evangelist Lukas z. B. weist ausdrücklich darauf hin, dass er sein Evangelium „sorgfältig erkundet“ habe, und zwar von denen, „die es von Anfang an selbst gesehen“ haben (vgl. Lk 1,1–4). Lukas selbst war also kein Augenzeuge des Lebens Jesu. Entscheidend ist nicht der Nachweis eines möglichst hohen Alters einzelner biblischer Schriften, sondern der authentische Bezug zum Ursprungsgeschehen des Glaubens, so dass mit Luther gilt: „apostolisch ist, was Christum treibet“, nicht nur das, was mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit auf bestimmte Personen zurückgeführt werden kann. In einem längeren Prozess hat die Christenheit diejenigen Schriften gesammelt und verbindlich zusammengestellt, die als solche authentische Bezeugung des Gotteswortes gelten. So ist nach und nach der neutestamentliche Kanon entstanden.

Nach christlichem Verständnis ist Jesus Christus der zentrale Inhalt der Bibel.

1.3.2 | Gotteswort im Menschenwort

Exegese fragt nach dem historischen Sinn biblischer Texte.

Trotz der Hochschätzung der Bibel als Gotteswort ist in der Christenheit und in der christlichen Theologie immer auch die Tatsache beachtet und gewichtet worden, dass die Texte des Alten und Neuen Testaments von Menschen geschrieben und überliefert worden sind. Was das Johannesevangelium von der Inkarnation Gottes in Christus sagt, „das Wort wurde Fleisch“ (Joh 1,14), gilt eben auch für das Gotteswort. Es geht in die Geschichte ein, unterwirft sich den Bedingungen menschlicher Sprache und damit auch den Möglichkeiten menschlichen Verstehens und Missverstehens. Auf diese äußere, menschliche und geschichtliche Seite der Bibel richten sich die Bemühungen der historisch-kritischen Exegese des Alten und Neuen Testaments. Hier wird nach den historischen Umständen bei der Entstehung und Überlieferung der Texte gefragt. Wer hat sie wann für wen aufgeschrieben und wie sind sie überliefert worden? Was war ihr ursprünglicher Sinn?

1.3.3 | Geschichte und Gegenwart – Sinn und Bedeutung

Die Exegese ist, seit sie betrieben wird, wegen ihrer Konzentration auf eine geschichtliche Lesart der Bibel kritisch infrage gestellt worden. Gerade engagierten Christenmenschen scheint es hier allzu sehr um die Entstehung antiker Texte zu gehen, so dass die biblische Botschaft den zeitlichen Abstand zum Heute nicht mehr überwindet. Historische Exegese scheint die biblischen Texte in ihrer Ursprungssituation im Vorderen Orient in der Zeit von 500 vor bis 100 nach Christus zu fixieren. Stattdessen wird, zum Teil mit alternativen Zugangsweisen und Fragestellungen wie Tiefenpsychologie und Bibliodrama, nach der gegenwärtigen Bedeutung des Wortes Gottes für Menschen von heute gefragt. In der Tat lässt sich hilfsweise im Hinblick auf biblische Texte zwischen Sinn (als ursprüngliche historische Aussageabsicht) und Bedeutung für gegenwärtige Leserinnen und Hörer unterscheiden. Allerdings dürfen diese beiden Aspekte nicht strikt voneinander getrennt werden; denn Bedeutung ist ohne die Erhebung des Sinnes nicht zu haben. Dies gilt spätestens seit Martin Luther, der unwiderruflich ins Bewusstsein gebracht hat, dass es eben der Wortsinn der Bibel ist, der wahrgenommen werden muss, wenn die gegenwärtige Relevanz der alten Texte für Menschen von heute gewonnen werden soll. Für Luther muss sich ein wahrer Theologe am äußerlichen, buchstäblichen Wortlaut der Bibel geradezu abarbeiten.

„Zum andern sollst du meditieren, das ist: Nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich und mündliche Rede und buchstabische Wort im Buch immer treiben und reiben, lesen und wieder lesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der heilige Geist damit meint. [...] Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche Wort.“

Martin Luther, Vorrede auf die Deutschen Schriften 1539

Historischer Textsinn und gegenwärtige Bedeutung hängen zusammen.

Denn Bedeutung fällt nicht einfach vom Himmel, sondern kann nur über das genaue Verstehen dessen, was eigentlich da steht, erhoben werden. Nichts anderes will Exegese tun! Dabei rückt immer stärker in den Blick, dass biblische Texte sich gar nicht auf eine Ursprungssituation festlegen lassen. Oft sind gerade im Alten Testament Autoren nicht eindeutig zu bestimmen und ebenso wenig kann für viele Texte ein genauer historischer Ort der Entstehung erhoben werden. Hinzu kommt, dass die Exegese vielfach Spuren der redaktionellen Überarbeitung biblischer Texte wahrnimmt, die noch sehr lange nach der ersten Niederschrift vorgenommen worden sind. Dies sind Zeichen der bleibenden Wertschätzung des Wortes und seiner Aktualität für Menschen in veränderten Kontexten. Das heißt, der historisch erkennbare Prozess der Überlieferung macht deutlich, dass die Fixierung der Exegese auf einen einzigen ursprünglichen Sinn in einer oft nur hypothetisch zu erhebenden Entstehungszeit und -situation den Texten gegenüber unangemessen ist. In der heute vorliegenden Form des AT ist deutlich, dass biblische Texte immer schon aktualisiert und neu auf ihre gegenwärtige Relevanz, ihre Bedeutung hin befragt worden sind. Jedenfalls in der Wahrnehmung von Redaktions- und Überlieferungstätigkeit ist diese Erkenntnis ein Akt der historischen Exegese selbst. In der Einsicht, dass biblische Texte nicht nur einen historischen Sinn, sondern auch eine gegenwärtige Bedeutung haben wollen, liegt einer der Gründe, warum Exegese Teil der Theologie und nicht ausschließlich der Religionsgeschichte ist.

1.3.4 | Autor – Werk – Rezipient

Verstehen geschieht im Zusammenspiel von Autor, Text und Leser oder Hörerin.

Das eben genannte Verhältnis von Sinn und Bedeutung beim Verstehen biblischer Texte berührt einen Bereich, der auch in der allgemeinen Hermeneutik und Literaturtheorie stark diskutiert wird. Denn wenn ein Text (oder ein anderes Werk) auch ursprünglich den Willen eines Autors (Malers, Komponisten ...) vermitteln will, so löst sich ein Werk im Zuge der Rezeption doch von seinem Urheber und entwickelt einen „Eigensinn“. Texte lösen bei Leserinnen und Lesern bestimmte Wahrnehmungen aus, und die aus dem Schulunterricht berüchtigte Frage, „was der Künstler damit sagen wollte“, ist oft nur noch spekulativ oder gar nicht mehr zu beantworten. Hinzu kommt, dass auch die Rezipienten aufgrund ihres Vorverständnisses beim Verstehen eines Werkes am Zustandekommen von Sinn und Bedeutung mit beteiligt sind. Dies wird gegenwärtig in vielen Geisteswissenschaften unter der Bezeichnung Rezeptionsästhetik bedacht. Es ist Aufgabe der hermeneutischen Reflexion, diese Vorgänge bewusst zu machen und ein Werk davor zu bewahren, durch die Vorstellungen der Hörer oder Leserinnen vollständig vereinnahmt zu werden. Im Hinblick auf die biblischen Texte ist im Ganzen der Theologie auch dies eine wichtige Funktion der Exegese. Sie vertritt, so gut es eben geht, den Ursprungssinn eines biblischen Textes und seines Autors im komplexen Gesamtgefüge des Zusammenspiels von Autor, Werk und Rezipient. Daneben treten aber noch andere Weisen, biblische Texte zu rezipieren und auf eine je spezifische Art zu verstehen. Manfred Oeming unterscheidet in seiner Einführung in biblische Hermeneutik zwischen solchen Zugängen, die an „den Autoren und ihrer Welt“ (historisch-kritische Exegese, Archäologie etc.), „den Texten und ihrer Welt“ (kanonische oder literaturgeschichtliche Auslegung...), „den Lesern und ihrer Welt“ (psychologische, befreiungstheologische, feministische Exegese, Bibliodrama...) und „der Sache und ihrer Welt“ (dogmatische, fundamentalistische, existenziale Interpretation) orientiert sind.

Eine biblische Hermeneutik insgesamt kann im vorliegenden Zusammenhang nur in ihrer Problematik und in ihrem Zusammenhang mit theologischer und allgemeiner Hermeneutik umrissen werden. Die allgemeinen Überlegungen müssen anderweitig vertieft werden. Hier stehen sie aber im Hintergrund, wenn nun das Thema in einer bestimmten Fragehinsicht vertieft wird, nämlich der alttestamentlichen Hermeneutik.

Fragen

Wofür steht die Formel „Gesetz und Evangelium“?

Was ist das Ziel der historisch-kritischen Exegese?

Differenzieren Sie die Begriffe „Sinn“ und „Bedeutung“ im Hinblick auf biblische Texte!

1.4 | Hermeneutik des Alten Testaments

1.4.1 | Das hermeneutische Problem des AT

Inwieweit ist das Alte Testament ein christlicher Text?

Der Begriff Altes Testament bezeichnet den ersten Teil der christlichen Bibel, deren zweiter Teil das Neue Testament ist. Altes Testament ist also eine christliche Bezeichnung für eine Sammlung von Schriften aus dem vorchristlichen Israel. Diese Schriften stellen gleichzeitig die ganze Heilige Schrift des Judentums dar. Das hermeneutische Problem des Alten Testaments dreht sich um die richtige Verhältnisbestimmung von Geschichtlichkeit und gegenwärtiger Geltung im Hinblick auf diese Schriftensammlung. Für die Kirche stellt sich insbesondere die Frage, wie eine Sammlung vorchristlicher